Grundsatzpapier für Bewegte Schule Österreich

Gliederung

  1. Bewegte Schule – Schulen in Bewegung bringen
  2. Das „Räderwerk“ des Schulqualitäts-Konzepts „Bewegte Schule“
  3. Integration der Zielvorgaben des BMB in das Konzept der Bewegten Schule
  4. Qualitätsverständnis aus Sicht des Netzwerkes „Bewegte Schule Ö“
  5. Ist-Stand in den Bundesländern und in den deutschsprachigen Nachbarländern
  6. Implementierung des Konzeptes der Bewegten Schule in Österreich
  7. Projektpartner
  8. Literatur
  9. Grundsatzpapier als PDF-Download

1. Bewegte Schule – Schulen in Bewegung bringen

Bewegung ist eine Voraussetzung für eine optimale kognitive, psychische, physische und soziale Entwicklung der Kinder und Jugendlichen. Diese sind heute mit einer veränderten bewegungsarmen Lebenswelt konfrontiert und dem entsprechend ist mehr Bewegung in vorschulische und schulische Bildungseinrichtungen zu bringen.

Kinder zeigen in der Schule heute vermehrt Verhaltensweisen, die mit Begriffen wie Hyper-aktivität, Aufmerksamkeitsstörungen, Konzentrationsschwäche, geringe Frustrationstoleranz oder wenig soziale Fähigkeiten im Umgang mit anderen Menschen beschrieben werden. „Bewegte Schule“ bietet im Rahmen ihrer verzahnten Handlungsfelder die Möglichkeit aller in den Bildungsinstitutionen agierenden Personen zu achten und dadurch den genannten Defiziten entgegen zu steuern.

Bewegung ist hier als Querschnittsaufgabe für das ganze System Schule zu sehen und in diesem Zusammenhang nicht nur als sportpädagogische Reaktion auf die „Sitzschule“ miss zu verstehen. Ursprünglich war die Bewegte Schule als Kompensation der Bewegungsarmut im Unterricht vielfach symptomorientiert ausgerichtet. Im Rahmen der Schulqualitäts-
entwicklung ist klar ersichtlich, dass sich neben der motorischen Bewegung Unterrichts-inhalte und -methoden, Schulorganisation und der Lern- und Lebensraum Schule verändern müssen. Bewegte Schule berührt das ganze System und ist ursachenorientiert.

Schule in Bewegung zu bringen heißt für uns, Schule zu verändern durch eine kind-, lehr- und lerngerechte Rhythmisierung des Unterrichts, durch bewegendes und bewegtes Lernen, durch bewegte Pausen, durch bewegende, beteiligende und damit gesundheits-fördernde Organisationsstrukturen, durch Öffnung der Schule nach außen, durch vernetztes Denken.

Bewegte Schule so verstanden entspricht dem salutogenetischen Ansatz der Weltgesund-heitsorganisation (WHO), der auf einem sehr umfassenden Gesundheitsbegriff basiert und vor allem die Fähigkeiten jedes Einzelnen zur Erhaltung und Stärkung seines Wohlbefindens fördern will. Dieser Ansatz betont die Stärken jedes Einzelnen und sorgt somit für die Ausbildung von Widerstandsressourcen auch gegen schulische und berufliche Belastungen.

Eine Bewegte Schule hat die Aufgabe, ganzheitliches Lernen zu fördern, Schulleben zu gestalten und Schul- und Unterrichtsentwicklung zu unterstützen.

Durch bewegten und bewegenden Unterricht wird das kognitive Potential der Schüler/innen aktiviert, deren Motivation für das Lernen gesteigert und somit die Basis zum lebenslangen Lernen gelegt.

Zentrale Merkmale im Schulqualitäts-Konzept der Bewegten Schule können sein:

  • kind-, lehrer/innen- und lerngerechte Rhythmisierung des Unterrichts
  • bewegtes und bewegendes sowie selbsttätiges Lernen mit Methodenvielfalt
  • Qualität und Quantität des Pflichtgegenstandes „Bewegung und Sport“ (s. Bildungswert unten) sind gewährleistet. Bewegte Schule ist kein Ersatz für den BSP-Unterricht!
  • bewegte und bewegende Pausen
  • Gestaltung des Lebensraumes Schule für zeitgemäße Unterrichtsformen
  • Gestaltung des Lebensraums Schule für eine gelingende ganztägige Schule, die zur Bewegung anregt
  • Auflösung der starren 50min-Einheiten durch schulinterne Lösungen
  • Öffnung der Schule nach außen (Eltern, Gemeinde, Vereine, Umfeld)
  • Partizipation aller am Schulleben Beteiligten
  • Bewusstseinsbildung für die Anliegen der Lehrer/innen (Lehrer/innengesundheit) und des Gesamtsystems

2. Das „Räderwerk“ des Schulqualitäts-Konzeptes Bewegte Schule

Auf die Wechselwirkung kommt es an.

Die Übertragung der Qualitätsmerkmale erfolgt im Konzept Bewegte Schule durch praxisnahe Anregungen, die modellhaft drei Handlungsfeldern/Rädern zugeordnet sind.
Die drei Handlungsfelder Lern- und Lebensraum Schule gestaltenUnterrichtsqualität und Schule steuern und organisieren greifen wie Zahnräder ineinander, so dass jede Aktivität eine Wirkung auf das ganze System erzielt. Der Impuls kann in diesem Wirkungszusammenhang von jedem einzelnen Zahn im „Räderwerk“ ausgehen. Dieses anschauliche Modell unterstützt Schulen in ihrem Entwicklungsprozess auf dem Weg zu einem bewegten Schulprofil und dient als systemischer Ansatz der kontinuierlichen Schulentwicklung und auch der Evaluation.

Die Stärke dieses Konzepts liegt in der Verdeutlichung der Wechselwirkungen aller Beteiligten im sozialen System Schule. Bewegung steht hier für Entwicklung, wobei der Bildungswert der Bewegung im Sportunterricht keineswegs gemindert wird.

Bewegung wird als integrativer Teil schulischen Gestaltens gesehen. Viele Forschungsergebnisse, darunter auch aktuelle Studien der Gehirnforschung belegen die positive Wirkung von Bewegung auf das Lernen. Bewegung beginnt im Kopf aller am Schulleben Beteiligten!

3. Integration der Zielvorgaben des bm:ukk in das Konzept der Bewegten Schule

An welchen „Rädern“ drehen?

Laut Zielvorgabe zu den neuen Aufgaben der Schulaufsicht und der Schulleitung in Österreich soll ein Paradigmenwechsel von der Inputsteuerung und der damit verbundenen Anordnungs- und Erlasskultur hin zu einer Output- und Prozesssteuerung mit entsprechender Verantwortungs- und Ergebniskultur stattfinden.
Dies entspricht der Intention des Handlungsfeldes „Schule steuern und organisieren“, das auf mehr Selbsttätigkeit und Selbstverantwortung jeder Schule setzt.

Der § 18 des Bundes-Schulaufsichtsgesetzes, BGBI. 1 Nr. 25/2008 in der Fassung von 20. Mai 2011 ist dahingehend geändert worden, dass durch die Unterrichtsministerin ein entwicklungsorientiertes Qualitätsmanagement eingerichtet wird, das alle Ebenen der Schulverwaltung und die Schulen umfasst. Kernstück des Qualitätsmanagements ist der Nationale Qualitätsrahmen, der eine Reihe von Maßnahmen und Instrumenten zur Entwicklung und Sicherung der Schulqualität vorsieht, wie zum Beispiel Definition und Beschreibung der Schulqualität, Zielvereinbarungen, Evaluierungen und ein Planungs- und Berichtswesen.

Diesem Nationalen Qualitätsrahmen kann das Konzept der Bewegten Schule mit in den drei Handlungsfeldern im „Schulqualitäts-Räderwerk“ gerecht werden.

4. Qualitätsverständnis aus Sicht des Netzwerkes „Bewegte Schule Österreich“

Die Bewegte Schule kann ein integraler Bestandteil des Orientierungsrahmens für den Nationalen Qualitätsrahmen sein.

Der Orientierungsrahmen ist als Modell für die innerschulische Konzeptentwicklung gedacht und soll für ein gemeinsames Qualitätsverständnis sorgen.
Die Schulprogrammentwicklung erfolgt auf der Basis von Qualitätsbereichen.
Diese Qualitätsbereiche können unterschiedliche Qualitätsmerkmale haben, die auch unterschiedlich gewichtet sind. Somit kann jede Schule ihre eigenen Akzente nach ihrem Entwicklungsbedarf setzen.

So soll das Konzept der Bewegten Schule eine zu integrierender Aspekt des Schulprogramms sein und für ein entsprechendes Schulprofil sorgen. Die Idee der Bewegten Schule ist am deutlichsten in den Qualitätsbereichen Lehren und Lernen, Schulkultur (Lern- und Lebensraum Schule), Schulmanagement und Lehrerprofessionalität enthalten und berührt darüber hinaus auch Strategien der Schulentwicklung.

5. Ist-Stand in den Bundesländern

Mehr Bewegung durch das „Räderwerk“ Bewegte Schule?

Ansätze zur Bewegten Schule gibt es seit den 90er Jahren in unterschiedlicher Ausprägung an einzelnen Standorten – durch diese Vereinzelung gibt es aber keine einheitliche Definition.
In einigen Bundesländern ging die Initiative vom Bewegungs- und Sportbereich aus. In Wien entwickelte sich die Initiative „Bewegtes Lernen – Gesundheitsförderung“ zum Schwerpunkt mit dem ersten Diplomlehrgang zum/r Pädagogen/in für Bewegtes Lernen und Gesundheitsförderung, in Niederösterreich die „Bewegte Klasse“ seit 1994 mit zahlreichen Fortbildungen, in Burgenland finden seit dem Schuljahr 2011/12 Info- und Fortbildungsveranstaltungen statt, in der Steiermark gibt seit vielen Jahren zu Themen der Bewegten Schule zahlreiche Fortbildungsangebote, in Kärnten sind es vereinzelte Aktivitäten, in Tirol fanden 2008 flächendeckende Informationsveranstaltungen mit Fortbildungen statt und seit dem Schuljahr 2010/11 läuft der Schulversuch „30-Minuten-Pause“, Vorarlberg entwickelt das Konzept der „Bewegungs-Volksschule, in Salzburg entstanden Bewegte Schulen mit Unterstützung von AVOS.

In Oberösterreich bildeten fünf Säulen „Bewegter Unterricht, Aktive Pause, Lebensraum, Gesundheitsbildung und Schulpartnerschaft“ die Basis für Bewegte Schule.

Dieses Modell, nach der Idee des Schweizers Urs Illi, wurde teilweise an Standorten anderer Bundesländer übernommen, zeigt aber im Verhältnis zum systemischen Ansatz des dynamischen „Räderwerks“ Nachteile durch die additive Wirkung, die vom statischen Säulenmodell ausstrahlt.

Die Inhalte des Säulenmodells sind in den drei Handlungsfeldern (Räderwerk) zusammen geführt, wobei deutlich wird, dass erst durch die Wechselwirkung Bewegung in die Prozessentwicklung kommt und Nachhaltigkeit hergestellt werden kann.

Deshalb haben sich alle Bundesländer in dem Schulqualitäts-Konzept, dargestellt als Räderwerk, wieder gefunden und für die Übernahme der drei Handlungsfelder als Orientierungsrahmen plädiert.

In Zusammenarbeit mit Kollegen aus Deutschland und der Schweiz wird versucht dieses Modell für den gesamten deutschen Sprachraum zu übernehmen. Wir selbst haben das Räderwerk von der Bewegten Schule Niedersachsen übernommen und stehen in einem regen Austausch mit Experten aus Deutschland und der Schweiz. Es handelt sich hier um ein länderübergreifendes Modell, deren Bedeutung an vielen Schulen in Europa erkannt wird.

6. Implementierung des Konzeptes „Bewegte Schule“ in Österreich

Ziel sollte es sein, den einheitlichen Rahmen von Bewegter Schule im BMB, in der Schulaufsicht, an allen Pädagogischen Hochschulen und Universitäten  und an den Schulstandorten als Schulqualitätsentwicklungskonzept zu verankern.
Jedes Bundesland sollte jedoch die standortbezogenen und gewachsenen Strukturen nützen und weiterentwickeln.
Die Idee der „Bewegten Schule" sollte durch eine Vernetzung unterschiedlicher Institutionen und Interessenvertreter gestärkt werden.

Mögliche Maßnahmen zur Erreichung einer flächendeckenden Implementierung:

  • Implementierung der Bewegten Schule/Bewegter Kindergarten in der Pädagog/innenbildung neu
  • Erforschung und Evaluierung von Aspekten der Bewegten Schule in Zusammenarbeit mit Pädagogischen Hochschulen und Universitäten
  • Aktionsprojekte für Schulen in Form von SCHILF-Veranstaltungen mit Einbinden von praktischem Unterricht (für alle Lehrer/innen und Schulleitung), Abendveranstaltungen für und mit Eltern
  • Regionale Fortbildungsangebote für Lehrer/innen
  • Installierung einer Steuerungsgruppe in jedem Bundesland und deren Schulung
  • Bundesländerverantwortliche Koordinatoren/innen (z.B. Zur Verfügung stellen von Ressourcen)
  • Multiplikator/innenausbildungen in den einzelnen Bundesländern
  • Bundesweite Veranstaltungen für Multiplikator/innen
  • Regelmäßige Treffen der Koordinator/innen (mind. jährlich)
  • Installierung eines/einer Netzwerkkoordinators/in für Österreich
  • Gestaltung und Betreuung des Internetportals „Bewegte Schule Österreich" - Online seit November 2012 (www.bewegteschule.at)

7. Projektpartner

  • Bundesministerium für Bildung (BMB)
  • Allgemeine Unfallversicherungsanstalt (AUVA)
  • Pädagogische Hochschule Oberösterreich (Netzwerkkoordination)
  • EduGroup

8. Literatur

  • Abeling,I.; Städtler, H.: Bewegte Schule — mehr Bewegung in die Köpfe. In: Die Grundschul-
  • zeitschrift 212.213/2008
  • Antonovsky, A. (1997): Salutogenese. Zur Entmystifizierung der Gesundheit. Tübingen: dgvt
  • Becker, A.; Michel M.; Laging R. (Hrsg.) (2009): Bewegt den ganzen Tag. Bewegungskonzepte in einer ganztägigen Schule. Hohengehren: Schneider Verlag
  • Busemann, Oelkers, Rosenbusch (Hrsg.) (2007): Eigenverantwortliche Schule – ein Leitfaden. LinkLuchterhand Verlag
  • Hildebrandt-Stramann, R. (2007): Bewegte Schule – Schule bewegt gestalten: Hohengehren: Schneider Verlag.
  • Illi, U (Hrsg.) 1989; Breithecker, D; Mundigler, S: Bewegte Schule – Gesunde Schule - Beiträge zur Theorie: Eigenverlag Wäldi, Zürich - Wiesbaden - Graz
  • Sieland, B. (2008): Nachhaltige Gesundheitsförderung als Entwicklungsarbeit von Lehrerinnen und Lehrern. In: Bräger, G., Posse, N., Israel, G. (Hrsg.): Bildung und Gesundheit. Argumente für eine gute und gesunde Schule. Bern: hep
  • Städtler, H.(2008/2012): Mehr Bewegung in die Schule – bewegte, gesunde Schule Niedersachsen (Plakat „Konzept: Räderwerk bewegte Schule“)

 

Autorengemeinschaft: Martin Leitner (OÖ), Wolfgang Oebelsberger (Tirol), Herman Städtler (Deutschland), Marina Thuma (Wien), Manfred Wimmer (OÖ).

Begriffliche Änderung des Handlungsfeldes "Unterrichtsqualität" zu "LEHREN und LERNEN" am 24. Oktober 2016

9. Grundsatzpapier als PDF-Download (aktualisiert 2016)